Expertin zum Thema Inneres Kind

Susanne Hühn: Expertin zum Thema Inneres Kind

Die Autorin und spirituelle Lehrerin setzt auf das Zusammenspiel zwischen Körper und Seele

“Körper und Seele in Harmonie zu vereinen” ist seit über 25 Jahren das Anliegen der spirituellen Lehrerin und Autorin Susanne Hühn. Dabei geht sie ihren eigenen Weg als Forscherin des Bewusstseins und des Zusammenspiels zwischen Körper und Seele. Ihr Credo: „Wir können Psychologie, Körperbewusstsein und Spiritualität nicht voneinander trennen, wenn wir harmonisch und glücklich leben wollen“. 1965 geboren, wurde sie ursprünglich in einem Heilberuf ausgebildet und arbeitet als psychologische und spirituelle Lebensberaterin, Seminarleiterin und Meditationslehrerin. Sie ist Autorin vieler Bücher, die sich der spirituellen Entwicklung widmen. Susanne Hühn gilt als eine der bekanntesten Expertinnen im deutschsprachigen Raum zum Thema Inneres Kind. Ab 1999 machte sie sich mit systemischer Aufstellungsarbeit vertraut und setzt sie mit eigenem Therapieansatz um. Mit Methoden wie z. B. der Meditation und der Arbeit mit dem inneren Kind gibt sie Hilfestellungen zur Bewusstseinserweiterung und Heilung. In ihrem Buch „Ich lasse DEINES bei dir“ behandelt sie „Co-Abhängigkeit Beziehung“, die sie aus eigener Erfahrung kennt.

http://www.susannehuehn.de

Wenn sich das innere Kind in die Beziehung mischt

Die Seelenliebe hält viel Schmerz bereit - Interview mit Susanne Hühn

Das Internet quillt in entsprechenden Foren über vor Berichten über plötzliche Begegnungen mit dem Seelengefährten, Seelenpartner, der Dualseele, der Zwillingsseele. Was passiert da?

Das ist unsere Zeitqualität. Die Dualseelen und liebenden Seelenpartner kommen jetzt zusammen, damit wir hier auf der Erde was Neues beginnen können. Dabei konfrontieren sich die Dualseelen mit allem, was sie daran hindert, das Neue zu machen. Denn sie hängen noch im Alten. Das geht nur mit einem vollen Ja von beiden. Leider ist das oft auch ein schmerzhafter Prozess.

Was heißt Zeitqualität?

Im Moment geht es ganz, ganz tief um Heilung. Alle Themen, die noch nicht in der Heilung sind, wollen jetzt angeschaut werden, damit wir wirklich frei werden, etwas Neues zu gestalten. Denn alte ungeheilte Wunden führen zu schlechten Entscheidungen, die letzten Endes immer nur der Vermeidung von neuem Schmerz dienen. Mit Zeitqualität meine ich den Paradigmenwechsel aus der 3. in die 5. Dimension – aus dem ‚entweder/oder‘ in das ‚sowohl als auch‘. Wir gehen wirklich in etwas völlig Neues. Deswegen muss das, was noch getrennt und abgespalten ist, jetzt nach innen geholt werden. Damit es nicht immer das alte ‚entweder/oder‘ produziert. Gleichzeitig treffen sich jetzt ganz viele Dualseelen, um für das Neue parat zu stehen.

Den Seelenpartner zu treffen, bedeutet also nicht automatisch vollendetes Liebesglück…oder?

Richtig. Durch den Seelenpartner wirst du mit inneren Themen konfrontiert, mit denen du noch nie in Kontakt warst. Die Dualseelen berühren sich so tief, dass du keine Chance hast, nicht auch ganz tief mit dir selbst in Kontakt zu kommen. Außer du rennst weg. Und dieses Wegrennen machen viele, weil dieser Prozess richtig weh tut. Deshalb dauert der Prozess so lange. Viele trennen sich erst mal wieder. Aber die Liebe ist so tief und die Seelen sind ja auch verabredet, dass man irgendwann sagt: O.k. ich bin bereit, das zu spüren…

Was ist, wenn eine Dualseelenliebe nicht erwidert wird?

Ganz ehrlich: Wenn eine Dualseelenliebe nicht erwidert wird, kann es sein, dass es keine ist. Ich bin extrem vorsichtig mit diesem Begriff. Solange nicht klar ist, ob da ein bedürftiges inneres Kind versucht, jene Verschmelzung hinzukriegen, die mit der Mutter oder dem Vater nicht geklappt hat, wäre ich sehr zurückhaltend. Die Erfahrung zeigt, dass die Dualseelen, wenn sie sich treffen, das auch beide wissen. Nicht bewusst. Und doch zieht es sie unweigerlich zueinander hin.

Wenn du was Neues machen willst als Paar, eine neue Form von Liebe, von Beziehung manifestieren willst, geht es nur, wenn beide wirklich Ja dazu sagen. Wenn einer Nein sagt, geht es nicht oder noch nicht. Wir sind hier nicht angetreten, um irgendwelche Halbherzigkeiten zu leben. Gleichzeitig ist es genau dieser lange Weg des Ja-sagens zueinander, der all die alten Wunden berührt und, wenn man es erlaubt, auch heilt.

Was passiert da, wenn man urplötzlich im Leben einer Seelenliebe begegnet?

Das Beisammensein mit dem geliebten Seelenpartner, wird gefühlt wie ein zeitloser Raum, des Einsseins, Stunden vergehen in Sekunden. Doch dieser Prozess des Zusammenkommens in tiefer Liebe zueinander, stößt auch ganz tief etwas an. Durch den Dualseelenprozess kommen sämtliche ungeheilten Themen nach oben, ob es einem passt oder nicht, weil es so tief geht. Da braucht es immer wieder die Trennung, wobei man doch denkt, das Heil liegt im Gemeinsamen.

Aber so ist es leider nicht. Der Dualseelenprozess heilt. Du trennst dich und dann gehen die Prozesse bei jedem Einzelnen los.

Warum ist das so?

Es ist so, damit keine Abhängigkeit entsteht, weil eine Abhängigkeit wieder keine echte Verbindung ist. Du kommst erst wieder zusammen, wenn die Themen gelöst sind. Deshalb muss man auch sagen können: „Keine halben Sachen. Ich halte es lieber aus, ohne dich zu sein, als mich wieder von mir selbst abzuspalten.“ Denn das ist ja wieder nur ein altes Muster. Wenn man dann wieder zusammen kommt, dann steht man vollständig da und nicht mehr wieder so fragmentiert, so halb, so verletzt, so hoffend und bittend. Sondern ganz. Und den Partner will ich da auch ganz stehen haben.

Das heißt ein Prozess des Leids?

Schmerzbehaftet. Leid nicht.

Was ist Unterschied?

Leid beinhaltet für mich eine tiefe Sinnlosigkeit. Das ist ein Sumpf, in dem man hängt. Schmerz ist für mich o.k. Denn gleichzeitig spüre ich, es ist für mich richtig. Im Leid hast du nicht das Gefühl, dass es ist richtig ist.

Ich gehe in kein Leid. Leid wäre für mich, dem Partner gegenüber zu sitzen und genau zu wissen, der will nicht. Das ist für mich Leid. Zu spüren, so wird das nichts. Du verrätst dich in diesem Falle selbst. Wenn ich dem Partner gegenüber sitze und spüre, es geht bis hierher und nicht weiter bei ihm, tut mir sofort wieder das Herz weh.

Wie vermeidest du, dass dir das Herz wehtut?

Der Herzschmerz ist für mich das Anzeichen, dass das nicht der richtige Platz ist für mich. Der Partner muss eine Entscheidung treffen. Wenn nicht jetzt gleich, dann in einem halben Jahr oder so. Aber ich gehe hier raus. Dann wird es in mir ruhiger und friedlicher. Das tut mir weh – aber gleichzeitig merke ich, das Herz wird plötzlich ruhig. Und damit ist es richtig.

Wir wollen, dass der geliebte Mensch ganz uns gehört. Wäre es nicht besser, sich hier mehr zu bescheiden und den Wunsch des Ganz-für-sich-haben-Wollens in den Griff zu bekommen?

Sich zu bescheiden ist keine gute Idee, wenn das Herz etwas anderes sagt. Sonst ist es Selbstverleugnung. Es darf und sollte, gerade weil die Liebe so stark ist, klare Absprachen geben, die für beide stimmig sind. Halbherzigkeiten kann man leben, wenn man nicht wirklich liebt. Doch die Seelenliebe geht so tief, dass die Dinge geklärt sein müssen. Sonst machen sie einem krank.

Und wenn der andere nicht will oder kann. Und sagt, wir können eine liebende Freundschaft haben, aber mehr nicht…?

Dann muss ich für mich gucken, ob das eine Bedingung ist, mit der ich gut leben kann oder nicht. Das hat nichts mit Liebe zu tun, sondern mit der Frage, welche Beziehungsform kann ich haben. Ich kann jemanden bedingungslos lieben, aber wie die Beziehungsform dann aussieht, das muss abgesprochen werden.

Was, wenn meine Bedürfnisse vom Partner nicht erfüllt werden?

Für mich ist es wichtig, zu unterscheiden, wer in mir will was? Ist es das innere Kind, das sich an den anderen andockt und dort was haben will, was es dort vermutet? Das ist kein guter Ratgeber für eine Beziehung. Ich rate niemandem irgendwas – aber wenn ich etwas rate, dann das: Guck bitte genau hin. Wer in dir will was? Da gibt es das innere Kind, das hat in der Beziehung, in einer Liebesbeziehung oder in einer Freundschaft nichts zu suchen, dafür bist du allein zuständig.

Eine Liebesbeziehung oder Freundschaft wird geführt von dem Mann und von der Frau, vom Erwachsenen zum Erwachsenen. Die Fragen sind: Was willst du als Mann von ihr? Was will meine Seele? Was davon kann ich mit dem anderen leben?

Das innere Kind kann eine Seelenliebe vorgaukeln?

Unbedingt. Denn die Sehnsucht des inneren Kindes nach der idealen Mama, nach dem idealen Papa, ist so riesig und Kinder lieben bedingungslos und zutiefst. So lange nicht entschieden ist, ob es das innere Kind ist, das da verschmelzen will, wäre ich vorsichtig. Denn das fühlt sich an wie ultimative, komplette, totale, bedingungslose Seelenliebe. Eben weil ein Kind so liebt. Wenn diese Liebe des inneren Kindes nach außen projiziert wird, dann fühlt es sich wie Seelenliebe an. Dann kannst du aber nicht mehr klar denken, dann bist du nicht mehr Herr deiner Sinne, dann wirst du wirklich abhängig und kannst nicht mehr spüren, ob das alles noch für dich stimmt. Du bist nicht mehr entscheidungsfähig, nicht mehr handlungsfähig.

Woher weiß ich, dass es sich um eine „wirkliche“ Seelenliebe handelt?

Wenn es eine echte Seelenliebe ist, bleibst du handlungsfähig. Das tut zwar weh, aber du spürst, da geht’s lang. Du bleibst bewusst, du bleibst bei dir und versinkst nicht im anderen. Das innere Kind verschwindet dagegen sofort im geliebten Gegenüber und du fängst an, ihm alles recht zu machen und um seine Liebe zu kämpfen. Deshalb würde ich jedem raten, schau erst mal, ob sich ein zutiefst bedürftiges inneres Kind im anderen den idealen Papa oder die ideale Mama vorstellt. Erst wenn das geklärt ist, kannst du schauen, was ist wirklich lebbar. Oftmals ist das sehr ernüchternd und das ist gut so. Denn diese unerfüllten Beziehungen sind äußerst schmerzhaft. Da kannst du Länder mit zerstören, deshalb wurden früher Kriege angezettelt. Das ist nicht romantisch.

Wann ist es romantisch?

Romantisch ist, wenn beide Liebe leben wollen und man zueinander findet. Unerfüllte Sehnsucht ist meist der tiefe Schmerz des inneren Kindes, reproduziert auf das Objekt deiner Sehnsucht. Solange das nicht herausgenommen ist, kann man nicht entscheiden, was das Richtige ist.

Du schreibst in deinen Büchern über Co-Abhängigkeit in Beziehungen. Was verstehst du darunter?

Du verbiegst dich so lange, wie du den anderen unterstützen kannst und unterschlägst dabei deine eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Du bedienst das ungesunde System eines anderen gegen dein eigenes Gefühl für Stimmigkeit. Du setzt die Beziehung zu dir selbst an zweite Stelle und verrätst dich. Das ist ungesund. Weil du dich nur über die Beziehung zum anderen spürst, anstatt über die Beziehung zu dir selbst. Das nennt man Beziehungssüchtig. Die amerikanische Frauenrechtlerin und Psychotherapeutin Anne Wilson Schaef hat den Begriff geprägt. Das ist eine eigene emotionale Suchterkrankung.

Woher kommt Co-Abhängigkeit?

Co-Abhängigkeit kommt fast immer aus dem inneren Kind. Es sind die unerfüllten Bedürfnisse, dessen Erfüllung das innere Kind noch immer sucht. Und wenn dann eine Frau oder ein Mann kommt, die oder der scheinbar das hat, was dein inneres Kind braucht… Dann hast du auf einmal die ideale Mutter oder den idealen Vater. Hier kannst du nur handeln, wenn du die Bedürfnisse deines inneren Kindes erkennst. Sonst kannst du nicht klar denken und klar entscheiden.

Wenn du deine Bedürftigkeit erkennst, kannst du erkennen: Der Mensch mir da gegenüber, was ist zwischen uns möglich? Du kannst frei entscheiden – aber nicht mehr aus der Bedürftigkeit des inneren Kindes heraus, sondern aus Liebe, aus seelischer Verbindung, aus sexueller Verbindung.  Und immer mit einer gewissen Klarheit. In der Gewissheit, wenn sich Erfüllung nicht leben lässt, kann ich loslassen.

Warum ist es so schwer, da raus zu kommen?

Weil du dich über die Abhängigkeit zum anderen identifizierst. Du hängst wie festgezurrt am anderen und spürst dich nur über diese Beziehung, weil du nicht die Erlaubnis hattest, die Beziehung zu dir selber herzustellen. Co-Abhängigkeit äußert sich dadurch, dass du das ungesunde System eines anderen mit bedienst, obwohl es dir wehtut, um überhaupt irgendeine Art von Verbindung zu spüren. Du hältst die Leere, die sonst in dir entsteht, nicht aus. Aber der Weg geht nur durch diese Leere. Nur damit eroberst du dich dir wieder zurück.

Davor scheuen die Menschen zurück wie der Teufel vor dem Weihwasser. Weil in Gehirn Todesangst aktiviert wird. Das darf man nicht unterschätzen. Wenn ein Kind nicht versorgt wird, stirbt es. Deshalb ist Co-Abhängigkeit so tief, weil man wirklich glaubt, man stirbt, wenn man den anderen nicht mehr hat. Der Weg dahin ist ein sehr schmerzhafter, weil er bedeutet, sich mit den Themen des inneren Kindes und der eigenen Verlustangst auseinanderzusetzen.

Gibt es Co-Abhängigkeit auch auf dem spirituellen Weg?

Ja, klar. Und hier ist Spiritualität sehr trickreich. So mancher bastelt sich seine spirituelle Co-Abhängigkeit als Alibi. Ich kann mir meinen unerreichbaren Seelenpartner erträumen. Und schwelgen in Unerfülltheit, in Abhängigkeit und Schmerz bis zum geht nicht mehr…